Der Vagabund

 

Premiere am 1.Mai 2015 in der Carl-Zeller Halle in St.Peter/Au.

ZUM STÜCK

Carl Zellers dritte Operette „Der Vagabund“, mit einem Libretto von Zellers altbewährten Lieblingstextergespann Ludwig Held und Moritz West (recte Moritz Georg Nitzelberger) wurde am 30.Oktober 1886 im Wiener Carl-Theater (vormals Theater in der Leopoldstadt – bekannt vor allem wegen der 50 Jahre zuvor wirkenden berühmten Schauspielertruppe rund um Ferdinand Raimund und seines hervorragenden „Grand Directeur“ Carl Carl) uraufgeführt und prompt ein Riesenerfolg. Laut den Rezensenten verschiedener Wiener Zeitungen gefiel vor allem der melodische Einfallsreichtum Zellers, insbesondere im ersten Akt, der qualitativ weit besser war, als bei seinen zuvor gebrachten Werken. Beim Libretto waren die Schreiber jedoch schon zweierlei Meinung: gelobt wurde der Witz und die Spritzigkeit der Dialoge, getadelt die nicht immer klaren dramaturgischen Wendungen des Stückes. Dem ungebrochen sorgte „Der Vagabund“ in der Saison 1886/87 neben Wien auch in vielen anderen österreichischen und deutschen Bühnen, u.a. in Berlin (Walhalla-Theater), Hamburg, Hannover, Magdeburg, Breslau, Budapest, Graz, Brünn, dem Sommertheater Prag, Innsbruck, Czernowitz, Carlsbad und Teplitz1 für volle Häuser. Um gleich an den großen Erfolg anzuknüpfen, verfasste das Autorenkollegium bald darauf die Operetten „Der Vogelhändler“ (1891) und „Der Obersteiger“ (1894), die ihren Vorgänger von den Theatern verdrängten.

Um die Vagabund-Euphorie zusammen zu fassen eignet sich der Bericht der Innsbrucker Nachrichten vom 29. Jänner 1887 vortrefflich:

'Der Vagabund' hat Alles, was zu einem dauerhaften Bühnenleben erforderlich ist – ein lustiges, volksthümliches Libretto, reizende aus dem Vollen einer echten, reichen und noch nicht abgenützten Erfindungsgabe geschöpfte Musik, und eine vorzügliche Aufführung mit brillanter Ausstattung. Der erste Akt mit seinem Massenaufgebote und seinen zündenen Ensemble-Nummern machte geradezu Furore und die folgenden beiden Akte behaupteten sich auf dieser Höhe des Erfolges. Die Handlung, welche in den ersten zwei Akten in Tiflis, im letzten Akte in Moskau spielt, dreht sich um die abenteuerlichen Schicksale zweier „Vagabunden“, deren vornehme Abkunft schließlich an den Tag kommt. Bis dahin geben sie den Autoren West und Held reichliche Gelegenheit zu drastischer Satire auf die rassische Polizei und die russische Hof- und Staatswirthschaft. Die Musik von Zeller, dem bereits rühmlich bekannten Komponisten der „Joconde“2 und der „Carbonari“3, kann zu den Besten gezählt werden, was die Wiener Operette bisher geliefert hat. In der ganzen überreichen Partitur nicht eine einzige langweilige, nichtssagende Nummer. Ueberall schöne, reizvolle Melodie, überall erquickende Frische und im Orchester reiches, blühendes Leben. Es ist nichts Erzwungenes und Gekünsteltes in dieser Musik, die mit ihrem leichten, natürlichen Fluß den Eindruck macht, als wäre dem Kompositeur Alles mühelos von selbst aus der Feder geflossen. Ein großer Vorzug des Werkes liegt auch in der Mannigfaltigkeit der Rhythmik, wodurch ein interessanter, charakteristischer Zug in jede einzelne Nummer gebracht und eine gefährliche Monotonie vermieden wird [...]'4

Als Vorlage zum Stoff diente den Librettisten angeblich eine Geschichte des französischen Vaudeville-Autors Émile Souvestre (1806-1854), die nirgendwo näher angegeben ist. Inhaltliche Parallelen sind zu Nikolai Gogols Komödie „Der Revisor“ (1836) und Carl Millöckers Operette „Der Bettelstudent“ (1882 – nach dem Stück „Les Noces de Fernande“ des französischen Dramatikers Victorien Sardou) festgestellt worden.

 

INHALT

I.AKT

Der aus Versehen russischer General gewordene Gregor Gregorovitsch möchte den Zar gnädig stimmen, indem er ihm die schöne Nichte des Tifliser Polizeimeisters, Marizza, als verführerische Hofdame zur Seite stellen möchte. Um diese unauffällig entführen zu können, zettelt sein Sekretär Dadian einen Aufstand der unterdrückten Tscherkessen und Vagabunden gegen den gierigen russischen Polizeimeister Iwan den Schrecklichen an. Ossip und Alexis, zwei von Zigeunerschwestern aufgezogene Vagabunden von vermutlich hoher Abstammung (bewiesen durch drei Talismane: einen Brief, ein Gebetsbuch und ein Schweinchenmedaillon) - letzterer ist außerdem Marizzas Liebhaber - werden zu Anführern erkoren und bei der Plünderung des Wein-Arsenals des Polizeimeisters verhaftet.

 

II.AKT

Alexis und Ossip werden vor Gericht gestellt. Während Ossip zu 20 Jahren Sibirien verurteilt wird, aber durch die Schliche Dyrsas, Marizzas wahrsagender Freundin, sich dieser Strafe wieder entledigen kann, erkennt der Polizeimeister in Alexis aufgrund des Talisman-Briefes seinen vermeitlichen Sohn, genauso wie die am Ort weilende russische Gräfin Prascovia, die Alexis wegen des Schweinchemedaillons irrtümlich als ihren geraubten Sohn identifiziert. Die zwei neuen falschen Elternteile schaffen Verwirrung, infolge deren die beiden Vagabunden als Betrüger bezichtigt und verjagt werden.

 

III.AKT

Gregor Gregorovitsch abermaliger Entführungsversuch ist gelungen und Marizza wird in einer Blockhütte in der Nähe von Moskau gefangen gehalten. Ossip und Alexis sind wieder auf Wanderschaft und haben bis auf zwei letzte Talismane – das Gebetsbuch einer Zigeunerschwester und die Windel, mit der Ossip als Kind gefunden wurde – nichts mehr. Dyrsa findet die beiden, nimmt ihnen die Talismane ab und übergibt sie der Gräfin Prascovia, die in der Windel Ossips prompt das eingestickte Wappen ihres Hauses erblickt und ihn als Sohn wieder erkennt. Das Gebetsbuch gibt sie weiter an den Zaren, der durch die darin enthaltene Inschrift, der feststellt, dass Alexis sein illegitimer Sohn aus der Verbindung mit einer Zigeunerschwester ist. Marizza wird befreit und nun rehabilitiert bekommt Alexis ihre Hand, Ossip, nun Graf, heiratet aus Dankbarkeit Dyrsa, General Gregorovitschs irreguläre Ernennung wird entdeckt und rückgängig gemacht.

 

1 Wiener Zeitung, 28.11.1886, S8

2 „Joconde“, komische Oper in 3 Akten; UA 18.3.1876 im Theater an der Wien; Musik: Carl Zeller; Libretto: Moritz West und Moret;

3 „Die Carbonari“, Operette in 3 Akten; UA 27.11.1880 im Carltheater; Musik: Carl Zeller; Libretto: Moritz West und Friedrich Zell;

4 Innsbrucker Nachrichten, 29.Jänner 1887, S9

 

www.carlzeller.at

 

Besetzung:

Iwan der Schreckliche, Polizeimeister von Tiflis                 Philipp Landgraf

Marizza, seine Nichte                                                         Eva-Maria Schmid

Dyrsa, Wahrsagerin                                                            Elisabeth Jahrmann

Gräfin Prascovia Sebuloff                                                   Ellen Halikiopoulos

Alexis, Vagabund                                                                Clemens Kerschbaumer

Ossip, Vagabund                                                                  Michael Feigl

General Gregor Gregorovitsch                                             Michael Weiland

Dadian, sein Sekretär                                                          Alice Waginger

 

Regie & Textbearbeitung:                                      Max Buchleitner

musikalische Bearbeitung:                                      Alice Waginger

musikalische Leitung:                                             Theresia-Lu Bai